Gilla Lörcher

Wildnis und ewiger November
Sehr rauhes Gelände: Landschaften von Thomas Kohl im Marburger Kunstverein

(aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. Februar 1995, Feuilleton, S. 30)

Warum Landschaftsbilder? "Ich hatte Lust, mal was Schönes zu malen." So einfach war das für Gerhard Richter. Zur Zeit präsentiert Thomas Kohl, der in Düsseldorf Meisterschüler Richters war, seine neuen Arbeiten im Marburger Kunstverein. Sind Landschaften für Richter nur ein Thema unter anderen, so ist sein Schüler ganz im Gegenteil seit Jahren ein passionierter Nur-Landschaftsmaler.

Thomas Kohls Bilder zeigen rauhes und wenig einladendes Gelände. Mal schroffe Gebirgszüge, zerklüftete Felsen und steile Pässe, dann Gletscher und weite Moorgebiete. Erdige Farben dominieren. Ergänzt wird die trostlose Atmosphäre der Szenerien von dramatischen Wolkenkonstellationen und vernebelten Sichten. Kein Sonnenstrahl durchbricht den trüben Tag. Es herrschen Einsamkeit, Wildnis und ewiger November.

Die zarten Konturen am tiefen Horizont deuten an, dass sich diese Landschaft mit ihrem unwegsamen Gelände endlos wiederholen wird. Thomas Kohl, Jahrgang 1960, gibt in seiner Malerei keinesfalls die Beschaffenheit eines bestimmten Quadratkilometers Natur wieder. Er malt nur seine Idee von Landschaft, und in der finden sich keine Menschen und keine Zeichen der Zivilisation: keine rot-weissen Steinmarkierungen oder Eulensymbole, die dem einsamen Wanderer den Weg weisen. Nichts, nicht mal ein Gipfelkreuz. Hier pfeift bestenfalls ein eisiger Wind. Der Mensch, allein mit sich und einer erbarmungslosen Natur: das ist die Rolle des Betrachters. In Kohls Landschaft würde der Wanderer, der bei Caspar David Friedrich immer schon vor dem Betrachter die Aussicht geniesst, nur stören. Das Thema des Künstlers jedenfalls knüpft an die lange Tradition nordischer Landschaftsmalerei an, die von Albrecht Dürer bis Herkules Seghers, von Jacob van Ruisdael hin zu Arnold Böcklin und Otto Modersohn reicht.

Gerhard Richters Antwort auf die Frage "Warum Landschaftsbilder?" war eine gelungene Retourkutsche. Nachdem die Landschaftsmalerei seit dem nationalsozialistischen Heimattopos hoffnungslos diskreditiert war, galt es viele Jahre als kleidsam, das Genre weit von sich zu weisen. Entschuldigt wurde der Ausrutscher in die Landschaftsmalerei allenfalls, wenn er von einer inneren Emigration und Flucht motiviert war. So wie bei Otto Dix. Erst langsam, in den sechziger Jahren, griffen Künstler wieder auf das Landschaftsthema zurück. Nun wurde die Vergänglichkeit der Natur zu einem Bestandteil der künstlerischen Konzeption.

Thomas Kohl hat viel übrig für die Landschaften nördlicher Regionen. Er bereist sie und bringt sie so auf die Leinwand, wie er sie gerne gesehen hätte. Er malt ohne Nostalgie, dafür mit um so mehr Pathos. Der Künstler meidet Idyllen, die dem Betrachter nur Bilder von Postkarten-Bildern von Landschaft liefern würden. Es ist seine Malerei, die der Landschaft etwas Ursprüngliches verleiht, das sie längst nicht mehr besitzt.

Die querformatigen Bilder sind gefüllt mit einer stark konturierten Bergwelt und darüber hinziehenden Wolken. Die Ölfarbe ist virtuos in vielen Schichten lasierend aufgetragen. Die Werke, die Namen wie "Moor", "Solen" oder "Karan" tragen, können den Hauch der späten Romantik oder des lyrischen Naturalismus schlecht leugnen. Auch die Maler der Worpsweder Künstlergruppe, denen Ende des neunzehnten Jahrhunderts Moor und Heide, wie der Kunsthistoriker Werner Haftmann meinte, zu "Gleichnisträgern eines übermächtigen Gefühls" wurden, suchten die Einsamkeit einer unberührten Natur. Thomas Kohls Bilder aber zeigen eher archaische, monumentale Landschaften und erinnern darin an die Landschaften Anselm Kiefers. Doch wo Kiefer Landschaft als Ort der Geschichte begreift, da bleibt Landschaft für Kohl ein Ort, an dem sich gerade keine Geschichte ereignet.

(© Frankfurter Allgemeine Zeitung)