Johannes Stahl

Thomas Kohl

(Aus dem Katalog zu den Jahresgaben 2002 des Bonner Kunstvereins)

Sehen und malen. Noch einmal ansehen und prüfen. Wirken lassen. Abstand gewinnen. Weiter malen, diesmal länger, bis zu dem Punkt, wo sich die leichten Gesten verselbständigt haben. Sich erinnern an Gesehenes und Erlebtes. An Gelesenes - weshalb sollte ein Maler nicht auch viel gelesen haben? Sich erinnern an selbst Gemaltes, wieder Aufgegriffenes, Abgeschlossenes, Verworfenes, wieder Gemaltes. Heißt erworben in den niederländischen Museen "verworfen"? Noch einmal ansehen. Weiter malen?

Wenn sich bildende Kunst überhaupt sinnvollerweise in Gattungen, Genres und Techniken aufspalten läßt, dann ist Thomas Kohl Landschaftsmaler. Alle die Mißverständlichkeiten, die aus der großen Tradition des Genres entstehen, alle Reichtümer eben dieser Geschichte unterwerfen das Malen und das Sehen einem besonderen, fast historisch-kritischen Blick. Die Bergwelten, welche Kohl malt, sind weder in der Natur noch in der künstlerischen Form unberührt: Betreten haben diese Wege schon Tausende und das auch schon lange, gesehen haben die Berge schon Abermillionen. Trotzdem - oder gerade wegen dieser Traditionen - rufen sie, die Berge und ihre malerischen Themen. Es sind noch so viele Bilder zu malen.

Ein eigentümliches Wechselspiel zwischen Nahsicht und Distanz entwickeln Thomas Kohls Bilder beim Betrachten. Gleich am Anfang des Hinsehens und aus der Distanz heraus zeigt sich der geschlossene Entwurf eines Abbilds, der mit großer Sicherheit die entscheidenden Elemente und Stimmungen eines landschaftlichen Eindrucks transportiert. Ohne daß es eines vom Künstler betonten und gesetzten Entwurfrahmens zu bedürfen scheint, ist dieser Eindruck rund und geschlossen. Erst wenn der Blick eine Weile auf dem Bild verharrt, löst sich diese Geschlossenheit zugunsten zahlreicher einzelner Eindrücke auf. Hier nun wird Malerisches zentral: die Behandlung der einzelnen Partie, das weite Spektrum verschiedener Gesten, der individuelle Duktus, die Frage nach Übermalungen oder dem Durchleuchten des Malgrunds. Geradezu abstrakt, und dabei keinesfalls streng im Sinne einer Komposition geführt, erscheint das Geflecht aus Linien. Die Vielfalt der verwendeten Farben weist in sich scheinbar unlösliche Widersprüche auf, und doch stehen Violett und Gelb beispielsweise nebeneinander, ohne daß der Eindruck des malerisch Gewollten die Verankerung in der (möglichen) Realität einer Landschaft außer Kraft setzt.

Daß Thomas Kohl häufig Serien vom gleichen Motiv malt, hängt nicht nur mit der Tradition der malerischen Annäherung über Naturstudien oder den Wechselfällen von Jahreszeit und Witterung zusammen. Serien sind ein Mittel, malerische Themen zu prüfen, zu entwickeln und dabei auch seine eigenen Möglichkeiten herauszufordern. Eine Serie kleiner Ölbilder auf Papier wie die "Loreley" zeigt wie eine Erzählung den Umgang mit diesem Thema: das kluge Umschiffen der Mythen, die diesen kulturellen Ort zu einem weinseligen und kitschigen Gemeinplatz gemacht haben, und gleichzeitig die intensive Wahrnehmung eines immer noch spektakulären Rheindurchbruchs mit seinem charakteristischen Felsen. Kohl steigert mit seinen malerischen Mitteln durchaus die Dramatik des landschaftlichen Eindrucks. Einmal rund, ein anders Mal kantig, regenverhangen oder mit glanzvollem Licht versehen tritt der Felsen ins Bild. Kohl wählt die weniger gebräuchliche Ansicht von Süden her und läßt gleichzeitig die landschaftliche Umgebung des Felsens weg. Malerisch gesteigert und in unterschiedlichen farblichen Stimmungen bleiben das Profil und die innere Struktur des Felsens im Blick haften und gewinnen dem Ort Stück für Stück vieles zurück von seinem ursprünglichen Zauber.

Dr. Johannes Stahl ist Leiter der Artothek im Bonner Kunstverein