Martin Stather

Feld. Zur Genese des Landschaftsbildes

(Aus dem Katalog "Feld" zur gleichnamigen Ausstellung des Mannheimer Kunstvereins, erschienen 2000)

Eine Landschaft. Rechts, in schwarz und grün, türmt sich ein Baum auf, hart von der Seite und von oben angeschnitten. Links, in der Ferne, Berge, davor Büsche, Bäume, ein Tal. Grafische Formen wechseln mit flächiger Form und informellen Kürzeln, der Duktus jedes einzelnen Pinselstriches bleibt stehen, steht für sich und verbindet sich erst im malerischen Geflecht, mit Fläche und Tiefe zum Landschaftseindruck. Die Einzelformen wie Baum, Berg oder Busch sind kaum aus dem Chaos der Pinselführung zu isolieren – näheres Hinsehen löst das Gesamtbild sofort auf und lenkt den Blick auf die Struktur der Malerei selbst. Nicht die Lesbarkeit des Bildes ist hier von Interesse, sondern die Entstehung von Form aus der Malerei selbst. Die Malerei erwächst nicht aus der Landschaft, die Landschaft entsteht aus der Malerei.

Das Bild der Landschaft in der zeitgenössischen Kunst setzt sich aus vielen Facetten unterschiedlicher Provenienz zusammen. Mehr und mehr wird Landschaft als eine begriffliche Konstruktion verstanden, die ein zunehmend brüchiges Konzept zwischen Wirklichkeit und Vorstellung meint. Malerei, Plastik, Fotografie und Installation haben sich gleichberechtigt und mitunter medial übergreifend des Themas bedient und zweifelsohne hat die Malerei mit dem Gewicht der Tradition auf ihren Schultern in der Wahl der Mittel der Darstellung heute den weitaus schwersten Part.

Das Vertrauen auf die Utopie eines ganzheitlichen Konzeptes sowohl der Malerei als auch der Naturbetrachtung ist bekanntermaßen längst einem Konzept steter Veränderung und experimenteller Beschreibungsstrategien gewichen, die zu einer zwar fragmentierten, aber offenbar dennoch zeitgemäßer-exakteren Zustandsbeschreibung taugen. Von der Beschreibung der Natur hin zu einer Reflexion über den Einsatz malerischer Mittel im Bild: Landschaft als künstlerische Konstruktion von Natur war gleichzeitig immer auch eine Bestandsaufnahme nicht nur des jeweiligen Diskurses über Natur und ihren Stellenwert im Leben der Menschen, sondern betraf auch den jeweiligen Stand malerischer Theorie, die sich nicht zuletzt an dem traditionellen genre messen ließ. Thomas Kohls Konzept der Landschaft hat in seinen Bildern seit Beginn der 90er Jahre in zielgerichteter Bewußtheit zu unterschiedlichen und differenzierten Ausformungen gefunden. Sein Landschaftsbild oszilliert im Kern zwischen einer gegenständlichen malerischen Tradition, die die Naturimpression mit jeweils zeitgenössischen Mitteln umsetzt und Strategien einer ungegenständlichen Moderne, die Flächigkeit und Eigenwert der Farben betonen. Sind manche der Arbeiten in diesem Sinne eher als Topografien der Malerei selbst zu sehen, scheinen andere auf den ersten Blick ganz einer romantischen Haltung zu huldigen, die sich beim näheren Hinsehen im wahrsten Sinne des Wortes jedoch verflüchtigt. Ferne und Nähe sind zentrale Bezugspunkte in der Malerei von Thomas Kohl, die sich nie auf einen verbindlichen Betrachterstandpunkt festlegen läßt. Die räumliche Organisation vermittels Tiefenperspektive verhält sich uneinheitlich und bildet vielfach nur eine Folie, die der Maler gezielt einsetzt, um dem eine Flächigkeit entgegenzusetzen, die den Tiefenraum teilweise wieder aufhebt. Ebenso verhält es sich mit dem Fragmentarisch-Skizzenhaften vieler Arbeiten, das einerseits die Flüchtigkeit des Eindruckes betont, auf der anderen Seite eine Nähe zum Gegenstandslosen im malerischen Detail sucht, ohne den Gegenstand selbst gänzlich außer Acht zu lassen.

Die Malerei entsteht unter der Beteiligung vieler Geburtshelfer. Nicht eine wie immer geartete Naturbetrachtung romantischer, analytischer oder kritischer Art bildet das Fundament des Bildes (ohne daß diese per se ausgeschlossen wird), dafür treten Probleme der Organisation von Fläche und Bildraum, einer malerischen Gestik und Formwillens, sowie eine bewußte Distanz zur Darstellung selbst in den Vordergrund. Diese Distanz ergibt sich wie bei einer Zugfahrt durch eine Landschaft, verglichen mit einer Wanderung durch die freie Natur. Der direkte Kontakt ist gefiltert; durch eine Glasscheibe, die Bewegung oder durch mediale Vermittlung, die einen Großteil unserer Naturerfahrung ausmacht. Der Bezug zur Landschaft hat sich wesentlich durch die Form der Bewegung und ihre Geschwindigkeit verändert. Heute wird Natur/Landschaft am ehesten als mediales Ereignis (Besteigung der Eiger-Nordwand live im TV) oder aber als rasch wechselnde Kulisse wahrgenommen, die einzelne Stationen einer Reise voneinander separieren. Thomas Kohls Landschaften lassen all dies spürbar werden; die Geschwindigkeit, mit der man sich von einem Ort zum anderen bewegt, die daraus resultierende Wahrnehmung als Fragment, die durchgehende Kultivierung der Natur durch extensive Nutzung und Aneignung, wie auch den Verbrauch von Resten unberührter Natur durch die Anverwandlung in Parzellen der Zivilisation. Ohne mediale Bilderwelt sind seine Landschaften nicht zu denken.

Durch moderne Kartierungsmethoden vom Weltraum aus bleibt kein Stück der Erde mehr unerfasst – das Zeitalter der Entdeckungen ist endgültig vorbei. Konsequenterweise hat die Malerei sich auf eine Reise begeben, die stärker über die eigenen Mittel reflektiert, denn uneinlösbare Erwartungen auf die Landschaft projiziert. Bewußte malerische Uneinheitlichkeit ist die Voraussetzung für die Entstehung von Ansichten, die den Stand der Natur wiedergeben. Die brüchige Oberfläche ist deutlich im Geflecht einer Malerei, die mit grafischen Elementen genährt ist, die den Malgrund ungeniert und unstrukturiert wie skizzenhaft sehen läßt, die den Zufall in Form von Laufspuren der Farbe mit einbindet im Entstehungsprozeß. Malerei ist Malerei ist Malerei: Landschaft ist Vorwand und Thema zugleich, der Ausschnitt im Bild ist auch Ausschnitt der Malerei. Auch wenn Landschaft schon immer eine künstlerische Hilfskonstruktion war, ein Modell, mit dem Natur als sujet fassbar wurde, so hat diese Konstruktion heute keinesfalls ausgedient, ist jedoch einem grundlegenden Umbau unterworfen. Die Dekonstruktion der Natur ist im Landschaftsbild des 20. Jahrhunderts der Erfahrung der Dekonstruktion der Wirklichkeit nachvollzogen worden. Fragment und Uneinheitlichkeit im Landschaftsbild weisen aber nicht nur auf die zunehmende Fragmentierung von Lebenszusammenhängen und Wirklichkeitsrezeption im Zeitalter der Globalisierung hin, sondern charakterisieren vor allem eine künstlerische Strategie, die sich seit einer eklektizistischen und eher affirmativ rückwärts gewandten Postmoderne auf Widersprüche einläßt, diese bildnerisch thematisiert und in einer spezifischen Offenheit der Form einer ganzheitlicheren Betrachtung annähert, als dies vielleicht jemals der Fall war.

Dr. Martin Stather ist Direktor des Mannheimer Kunstvereins.