Martin Stather

Bergstücke

(Aus dem Katalog "Berge" zur gleichnamigen Ausstellung der Galerie Epikur, Wuppertal 1997)

Am Anfang ist Landschaft. Ein Bergrücken dominiert das Bildformat. Konturen fasern aus, verschmelzen mit dem Umraum im Gestischen der Malerei. Der Duktus des Pinselstriches bestimmt die Dynamik des Bildaufbaus, legt lasierend Schichten von Farbe übereinander. Zonen geringerer Farbdichte, in denen die Grundierung durchscheint und Zonen konzentrierten Farbauftrages wechseln sich ab, bilden ein Farbgeflecht, oft am Rande der Auflösung geschlossener Form. Das Bild der Natur verharrt in der Distanz, zeigt keine Detailschärfe. Gitterförmige, informelle Strukturen, parallele Farbsetzungen, Farbadern, die sich über die Leinwand ziehen und rigoros gemischte, tonige Farbverläufe verschränken sich zu einem Bild der Landschaft, das allein auf die Imaginationskraft der Malerei vertraut. Die Seherfahrung des Betrachters, mithin: die bewußte Auseinandersetzung mit den historischen Konzepten der Landschaftsdarstellung bilden die Voraussetzung für das konsequente ästhetische Konzept der Malerei Thomas Kohls, die sich aus einer zeitgenössischen Position heraus mit der Entwicklung des Naturbildes beschäftigt.

Kohls Landschaften sind daher nicht im engeren Sinne als abbildhaft zu lesen. Sie sind ausschnitthaft, autonom in der Wahl der künstlerischen Mittel und verschließen sich der Aneignung als Wiedergabe eines Standards, der die Naturerfahrung noch immer mit einem verlorenen Teil des Selbst gleichsetzt. Thomas Kohl hat hierzu ausgeführt: "Es gibt keine Landschaft. Landschaft ist ein Modell, das sich der Mensch geschaffen hat, um Natur zu verstehen. ... Landschaft ist ein Schnitt, ein Blick auf ein vielleicht ökologisch zu nennendes Ganzes, das irgendwo anfängt und aufhört."

Die Imagination der Natur in der Landschaft ist in den malerischen Konzepten der letzten Jahre wieder zunehmend wichtiger geworden, eine Imagination, die das Schöpferische des Malaktes in der Natur wiederfindet im Bewußtsein, daß eine Aufhebung dieser Trennung nicht möglich ist. Damit ist auch Kohl weit entfernt von falscher Naturschwärmerei idyllischer Ansichten oder von Romantizismen, die den Blick auf die Natur eher erschweren denn erleichtern. Keine feste Kontur bietet sich dem Blick, die Landschaften entziehen sich in der Auflösung in die abstrakte Form des einzelnen Pinselstrichs. Das Bild der Naturlandschaft ist fließend geworden, entzieht sich immer mehr dem Zugriff des Menschen, umso mehr dieser realiter seine Spuren in ihr hinterläßt. Die Ansichten sind lapidar und gerade deshalb von höchster Glaubwürdigkeit: Bergformationen, Gletscher, Täler, die keine Spur der Zivilisation tragen und doch gerade an dieser leiden. Je urtümlicher sie daherkommen, desto stärker scheinen sie das Stigma des Menschen zu tragen. Sie bieten keinen Rückzug mehr, hier ist die Reise zu Ende. Alle Zivilisation ist in diesen Landschaften mitgedacht.

Die idealische, erhebende Darstellung der Landschaft kann in diesem malerischen Konzept keinen Platz mehr haben. Auch eine Theorie der Utopie von Natur, die höchstens, wenn überhaupt, in der Vorstellung existieren könnte, oder wie sie etwa Alexander Kluge sarkastisch als Rekonstruktion nach der großen Katastrophe beschrieben hat, ist in den Bildern Thomas Kohls kaum auszumachen. Eine zeitgenössische Bestandsaufnahme des Themas Landschaft/Natur ist gefragt. Bruchstückhaft, ausschnitthaft sind die Ansichten, die Zusammenhänge sind für immer verloren gegangen. Der Maler betont dieses, indem er in vielen Arbeiten diesen Ausschnitt bewußt macht, seitliche und untere Begrenzungen mit vertikalen und horizontalen Pinselstrichen setzt. Die Farbigkeit ist meist gedeckt, oft schmutzig verwaschen und verbindet den Landschaftseindruck untrennbar mit einer scheinbar jahreszeitlichen oder atmosphärischen Stimmung. Die hieraus resultierende malerische Dichte scheint vordergründig auf eine herkömmliche Strategie des Stimmungsbildes, das gerade in der Landschaftsmalerei eine lange Tradition hat, hinzudeuten. Nichtsdestotrotz verbindet sich damit eher eine malerische Strategie, die einen Weg zwischen koloristischer Farbdichte und flächiger Farbwirkung sucht und sich das traditionelle und mit bestimmten Vorstellungen belastete sujet der Landschaftsmalerei dafür als Vehikel nutzbar macht.

Thomas Kohl problematisiert den Begriff der Landschaft, indem er diese malt. Damit begibt er sich auf ein gefährliches Terrain, steht auf der Spitze eines Eisberges, dessen restliche 90%, die gesamte Kunstgeschichte der Landschaftsdarstellung, unter Wasser liegt. Insofern bedeutet jedes Bild eine Auseinandersetzung nicht allein mit Leinwand und Imagination, sondern zwangsweise auch mit der Tradition der Darstellung. Die Malerei wird zum offenen Thema der Malerei. Damit erhält sie jedoch auch die Chance, zu einer selbstbestimmten Arbeitsweise zu finden, auf autonome Mittel der Darstellung zu rekurrieren und neu zu entwickeln, die wiederum auf die Art und Weise der Darstellung zurückwirken. Auf diese Weise erhalten die Landschaften Thomas Kohls eine selbstbewußte Evidenz, die den Diskurs über Natur und Landschaftsbild wieder einfordert und damit über die Darstellung der Landschaft weit hinausweist.

Dr. Martin Stather ist Direktor des Mannheimer Kunstvereins.