Klaus Weschenfelder

Malraum der Besonnenheit

(Eröffnungsrede zur Ausstellung im evangelischen Stift Koblenz, November 1998)

Seit dem Beginn der Moderne in der Kunst, seit den frühen 20. Jahrhundert, wird von Kritikern und Theoretikern, gelegentlich auch von Künstlern, das Ende der Malerei vorhergesagt. "Letzte Bilder" brachte der Suprematismus hervor, und auch später gab es immer wieder die Idee vom finalen Gemälde. Bemerkenswerterweise folgte diesen Endzeitvisionen, die dem Bild als soziologischem Phänomen einerseits und der Malerei als ästhetischer Erscheinung andererseits die Daseinsberechtigung aufkündigten, in geradezu dialektischem Verhältnis immer wieder neue Schübe von Malerei. Immendorffs Zuruf an die Künstlerkollegen: "Hört auf zu malen" mag in ironischer Brechung von den Hoffnungen berichten, die in die Malerei trotzalledem gesetzt wurden, und der "Hunger nach Bildern", den das Kunstpublikum nach einem längerem Zeitraum mit dominierend konzeptuellen Ansätzen Anfang der 80er Jahre reagierte, spricht eine deutliche Sprache. Nicht nur das, auch die Gegenständlichkeit weicht nicht aus der Kunst, obwohl sie von vielen seit langem als obsolet betrachtet wird. Es scheint, als besäße die Malerei eine geradezu münchhausensche Fähigkeit, sich am eigenen Schopfe immer wieder aus dem Sumpf zu ziehen, oder, einfacher gesagt, sich immer wieder zu erneuern. Dazu bedarf es einer kontinuierlichen ernsthaften Auseinandersetzung.

Thomas Kohl leistet dies, er gehört zu den Erneuerern der Malerei. Und er tut dies paradoxerweise, indem er sich auf Altes besinnt. Zum einen auf die Technik der Ölmalerei, der er neue Aspekte abzugewinnen weiß, und zum anderen auf die klassische und traditionelle Gattung des Landschaftsbildes.

Der in Düsseldorf geborene Künstler studierte in den 80er Jahren bei Gerhard Richter an der Düsseldorfer Kunstakademie. Er wurde sein Assistent und Meisterschüler, doch die Affinität des seines Werkes zu dem des Lehrers verlor sich bald. So viel er von seinem Lehrer gelernt hat, so deutlich hat er sich von ihm künstlerisch abgesetzt.

Dem Abschluß der Akademie folgten verschiedene Stipendien und eine umfangreiche Ausstellungstätigkeit, die dazu führte, daß Thomas Kohl in der Gegenwartskunst als Maler eine pointierte Position vorstellen konnte und mit seinen Bildern auch im Reichstagsgebäude des Deutschen Bundestages in Berlin vertreten ist.

Kohls Landschaftsbilder in Öl und Aquarell stellen sich homogen dar, aber nur auf den ersten Blick. Bei näherem hinsehen offenbart sich eine reiche Differenzierung, die aus dem Kontrast von kräftiger Farbigkeit und gedämpften Tönen resultiert, aus der Entfaltung von Valeurs und aus einer Arbeitsweise mit stark verdünntem Pigment, deren übereinandergelegte Lasuren dem Bild mitunter etwas von einem Palimpsest mitteilen.

Auch bleibt so die Malerei als Prozess sichtbar. Spuren von rinnenden Bindemitteln zeugen vom Vorgang des Malens, erinnern an den Faktor Zeit im Bild.

Nur kurz streift den Betrachter der Gedanke, die Bilder abstrakt zu lesen. Dann kehrt er zum Thema der Landschaft zurück. Was macht die Landschaft aus? Eine Horizontlinie, die farbige Gliederung in einen erdigen Vordergrund und einen blaugrauen Himmel, Vegetation und architektonische Versatzstücke. Skizzen gehen solchen Bildern voran, in denen bildnerische Kürzel erprobt werden, was Ernst Ludwig Kirchner die "Hieroglyphen" nannte: eine Linie, ein Hügel, ein Baum. Man erkennt weiträumige Flußufer, Geländeformen mit Architekturfragmenten, Ausblicke aus rahmendem Gebüsch.

Doch finden sich keine perspektivischen Aspekte in diesen Landschaften, kein Illusionismus, keine topographischen Absichten. Die Bilder sind immer Bilder mehr von Landschaftseindrücken als von realen Situationen.

Thomas Kohl wagt sich mit seinen Landschaften an ein Thema, das vielen schon verbraucht schien, ein Sujet, das in seiner langen Geschichte in der bildenden Kunst einen mehrfachen Paradigmenwechsel erlebte, das lange im akademischen Kanon am unteren Ende rangierte und doch das Kunstpublikum mehr bewegte, als alle Historienmalerei. Noch im 19. Jahrhundert von den einen als "Flechte am Baume der Kunst" (Peter Cornelius) abgetan, erlebte sie zur gleichen Zeit in der Malerei von Caspar David Friedrich in radikaler Erneuerung einen neuen Höhepunkt und wurde zum gar "Leitfossil" der romantischen Kunst.

Landschaft ist eine Domäne der Kunst geblieben, anders als das Portrait meidet die Photographie deshalb die Landschaft. Landschaftsmalerei ist immer ein Akt der Reflexion. Die Vorstellung, daß Landschaft, wenn sie von Interesse ist, als künstlerisches Bild wahrgenommen wird, formulierte Friedrich August Schlegel 1804 in seinen Briefen auf einer Reise durch das Rheintal, wo ihm "...diese Gegend mehr ein in sich geschlossenes Gemälde und ein überlegtes Kunstwerk eines bildenden Geistes..." zu sein schien, "...als einer Hervorbringung des Zufalls zu gleichen.

Doch sind Kohls Landschaften keine Seelenlandschaften der Romantik, sondern eher zu vergleichen mit dem, was Emil Nolde beabsichtigte, als er unter den "ungemalten Bildern" Landschaften allein aus der inneren Vorstellung, aus der Erinnerung schuf, Landschaften, die er seine aufregendsten nannte.

Zwei Fragen drängen sich auf, wenn man sich mit Thomas Kohls Bildern beschäftigt, und sie zu beantworten hilft seine Position in der Kunst am Ende des 20. Jahrhunderts zu klären:

- Wozu Malerei

- Warum Landschaft?

Malerei vielleicht deshalb, weil Thomas Kohl einen "Denkraum der Besonnenheit" (Aby Warburg) schaffen will, der den Betrachter die Autonomie der Kunst spüren läßt. Malerei, die in Distanz geht zur abbildenden Funktion, ohne diese völlig aufzugeben, fordert den Betrachter heraus.

Landschaft vielleicht deshalb, weil gerade in der Auseinandersetzung mit dem Motiv der Maler die Glaubwürdigkeit der Malerei überprüfen kann. Er kann daran erweisen, daß Malerei nicht Illusion ist, sondern Imagination. Beides ist Thomas Kohl gelungen.

Dr. Klaus Weschenfelder ist Direktor des Mittelrhein-Museums in Koblenz